#Juni | Point Zero

Als POINT ZERO bezeichnet man im kreativen Prozess, den Punkt, an dem sich der/die Kreative von allen Gewohnheiten und Konditionierungen, die Jahre des Lernens mit sich bringen, befreit. Nicht das Endprodukt bestimmt das Handeln, der Prozess tritt in den Vordergrund. Erwartungen, die man selbst an sich stellt, oder die von außen vermutet werden, treten beiseite und machen spontanen und intuitiven Ideen Platz. Kein Rahmen, keine Vorgabe, kein Wissen, wie es doch richtig sein müsste. Nicht einfach, an diesen Punkt zu kommen.

Aber wir spüren doch in vielen Lebensbereichen, dass viele Gewohnheiten und lange vertraute Rahmenbedingungen nicht mehr greifen. Die Welt entwickelt sich rasant weiter. In den letzten Monaten war dies noch verstärkt durch die Pandemie geprägt. Vielleicht tut es uns da ganz gut nach unserem persönlichen POINT ZERO zu suchen. Welche Gewohnheiten, Prägungen, innere und äußere Erwartungen hindern mich, Neues zu versuchen, unbekannte Wege zu betreten? Wo handle ich nach lange erlernten Techniken? Wo betrachte ich die Welt mit der immer gleichen Perspektive? Welche Schablonen liegen auf meiner Sichtweise auf die Menschen, die mich umgeben?

Brauchen wir denn nicht einen Plan, der uns absichert, der uns handlungsfähig macht -feste Werte und Orientierungen? Sicher sollten wir auf dem Weg durch unser Leben achtsam miteinander sein und uns nicht mit unsere jeweiligen Intuition und Kreativität gegenseitig überrennen, genauso, wie wir uns aber auch nicht in einer Sichtweise verrennen sollten, die für alle anderen weiß, was gut und richtig ist.

Auch in unserer Kirche steht so vieles auf dem Prüfstand, wird angefragt, in Frage gestellt. Manche reden von einem toten Punkt, an dem wir angekommen sind. Damit ist aber eben kein Endpunkt gemeint sondern ein Wendepunkt, an dem es gilt, die Kraft und das Unglaubliche des Evangeliums neu zu entdecken. Madeleine Delbrel (franz. Mystikerin, 1904-1964) beschreibt diesen Punkt so:
„Wir verkünden keine gute Nachricht, weil das Evangelium keine Neuigkeit mehr für uns ist, wir sind daran gewöhnt, es ist für uns eine alte Neuigkeit geworden. Der lebendige Gott ist kein ungeheures, umwerfendes Glück mehr … Wir verteidigen Gott wie unser Eigentum, wir verkünden ihn nicht wie das Leben allen Lebens, wie den unmittelbaren Nächsten all dessen, was lebt.”
Und hier gilt es eben nicht stehen zu bleiben sondern aufzubrechen – am Wendepunkt, am Point Zero:

„Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen,
ohne die Erwartung von Müdigkeit,
ohne Plan von Gott, ohne Bescheidwissen über ihn,
ohne Enthusiasmus,
ohne Bibliothek –
geht so auf die Begegnung mit ihm zu.
Brecht auf ohne Landkarte –
und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist
und nicht erst am Ziel.
Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu
finden,
sondern lasst euch von ihm finden
in der Armut eines banalen Lebens.“

Madeleine Delbrêl, Gebet in einem weltlichen Leben, Einsiedeln 41986, 31f.

Entdecken

Spiritualität

Stadt Kloster #3

Sieht Gott ähnlich Man glaubt es kaum, aber einige Katholik*innen streiten seit 50 Jahren über die Frage, ob Männer mit Jesus mehr gemeinsam haben als Frauen, einfach weil sie Männer

Mehr erfahren »