#April | Ostern empathisch

Johannes-Evangelium, Kapitel 20, 1–18


Am ersten Tag der Woche kam Maria von Mágdala
frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab
und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.
Da lief sie schnell zu Simon Petrus
und dem anderen Jünger, den Jesus liebte,
und sagte zu ihnen:
Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen
und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.

Menschen brauchen Menschen. Menschen sehnen sich danach, dass gute Freundschaften nie zu Ende gehen. Sie hoffen, dass Partnerschaften nie in die Brüche gehen. Vor allem wünschten sie sich, der Mensch, den sie lieben, würde nie sterben. Aber wir wissen, dass diese Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche oft enttäuscht werden. Wir stoßen alle an die sperrige Grenze von Entfremdung, Untreue und Tod in unseren Freundschaften und Beziehungen. Das tut weh. Es ist eine alltägliche Erfahrung von Schmerz, die einfach zum Menschsein gehört. Es gehört auch dazu, dass wir Menschen nachtrauern, die schon lange tot sind, dass wir Partner:innen nachweinen, die nie zurückkehren werden, und dass wir nach Menschen Ausschau halten, die für immer aus dem Blickfeld unseres Lebens geraten sind.

Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus
und kamen zum Grab;sie liefen beide zusammen,
aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus,
kam er als Erster ans Grab.
Er beugte sich vor
und sah die Leinenbinden liegen,
ging jedoch nicht hinein.
Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war,
und ging in das Grab hinein.
Er sah die Leinenbinden liegen
und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte;
es lag aber nicht bei den Leinenbinden,
sondern zusammengebunden daneben
an einer besonderen Stelle.
Da ging auch der andere Jünger,
der als Erster an das Grab gekommen war, hinein;
er sah und glaubte.
Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden,
dass er von den Toten auferstehen müsse.
Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.

Ich frage mich, was diese beiden Männer glauben, Petrus und Johannes. Vielleicht: „Da ist nichts mehr zu machen. Er ist erstens tot – das wussten wir schon – und zweitens hat man auch noch seinen Leichnam entwendet.“ Eine bleierne Schwere legt sich über sie, vielleicht auch noch größere Irritation als schon am Tag der Hinrichtung ihres Freundes, Entsetzen … Was macht man in solchen Situationen? Verstecken und einigeln, abtauchen in Sprachlosigkeit und Depression oder in Zorn und Aktionismus …

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte.
Während sie weinte,
beugte sie sich in die Grabkammer hinein.
Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen,
den einen dort, wo der Kopf,
den anderen dort,
wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten.
Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du?
Sie antwortete ihnen:
Sie haben meinen Herrn weggenommen
und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.

Die Frau bleibt. Sie klammert sich an das, was jetzt noch da ist: das leere Grab. Andere Menschen klammern sich an Erinnerung oder suchen Rauschzustände, um zu vergessen, oder lenken sich ab vom Schmerz durch schnelle Flucht in neue Beziehungen … Die Art, wie Menschen mit Trennungs-Schmerz umgehen, kann sehr verschieden sein. Gut, wenn es Personen gibt, die in solche Situationen hinein fragen: Warum weinst Du? Diese empathische Frage ermöglicht vielleicht den ersten kleinen Schritt heraus aus Passivität oder Flucht.

Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um
und sah Jesus dastehen,
wusste aber nicht, dass es Jesus war.
Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du?
Wen suchst du?
Sie meinte, es sei der Gärtner,
und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast,
sag mir, wohin du ihn gelegt hast!
Dann will ich ihn holen.
Jesus sagte zu ihr: Maria!
Da wandte sie sich um
und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbúni!, das heißt: Meister.

Mich berührt dieser Dialog, so oft ich ihn lese oder höre. Ich kenne keinen vergleichbaren Text in der gesamten Bibel, der so voll wäre von Menschlichkeit, von menschlicher Nähe, von Empathie. Diese Frau hatte absolut abgeschlossen – tot ist tot, würde man sagen -, weshalb sie den „Toten“ nicht erkennt, als er ihr dann gegen alle Logik dieser Welt begegnet. Sie hört zwar die Stimme genau dieses Menschen, und das rührt an alles, was sie mit ihm erlebt hat und was er ihr bedeutet. Aber erst als er ihren Namen nennt, spürt ihre Seele, dass der lebt, den sie für tot hält. Ich versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlte, wenn die aussichtslosesten Sehnsüchte meines Lebens wahr würden, wenn Menschen einander mit Respekt begegneten oder Machtmissbrauch endlich ein Ende hätte.

Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest;
denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.
Geh aber zu meinen Brüdern
und sag ihnen:
Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater,
zu meinem Gott und eurem Gott.
Maria von Mágdala kam zu den Jüngern
und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen.
Und sie berichtete,
was er ihr gesagt hatte.

Es braucht noch einige Kehrtwenden, bis die Konsequenzen dieser Begegnung zwischen Maria und Jesus ins Leben rutschen. Vielleicht vor allem, dass sie wegkommt von den eigenen Gefühlen, von dem, was dieser Mensch ihr bedeutet hat, bisher. Und dass sie hinkommt zu dem, was es nun für ihn heißt zu leben. Der zum Tod Verurteilte, Gefolterte, der Hingerichtete lebt. Der in seinen Worten, seinem Handeln, seiner ganzen Person zugewandte Menschen, Jesus, ist nicht im Tod geblieben. Der Gott, den Jesus seinen Vater nennt, hat ihn auferweckt. Der Schmerz ist vorbei. Die Kraft der Liebe, die von Jesus von Nazareth ausging, konnte nicht untergehen. Was auch immer Menschen ihm angetan haben, er lebt: bei Gott, und er lebt: für uns. Das ist die empathische Botschaft von Ostern. Und Maria spürt, was es für ihn bedeutet, dass er lebt. Sie fühlt mit ihm, freut sich mit ihm, teilt anderen diese Freude mit.


Ich kenne große Wunder im Umfeld meines Lebens: Da gibt es Menschen, die Gewalt in einer Beziehung erlebt haben und mit der Hilfe anderer den Schritt raus aus dieser Gefangenschaft geschafft haben. Ich kenne Menschen, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind und nach schwerster Krankheit leben. Menschen, die als Kinder und Jugendliche sexualisierte Gewalt erleben mussten, und heute trotzdem lebensmutig ihre Energie für andere Betroffene einsetzen. Menschen die sich einmal als Mobbing-Täter und –Opfer gegenüber standen und nun Freunde und Freundinnen sind. Ehemalige Kriegsflüchtlinge, die heute andere Geflohene unterstützen auf dem Weg in einen neuen Alltag. Dann gab es in meiner Familie den alten Herrn, für den das Sterben zwar kein Freund, aber eine letzte Aufgabe war, die er genommen hat, als sie anstand. Und es gibt seine Witwe, die es nach dem Tod des geliebten Mannes geschafft hat, ohne ihn den Lebensabend zu genießen und wieder zu lachen. Ich fühle mit diesen Über-Lebens-Künstlern. Wir atmen gemeinsam durch. Ihr Leben ist – ob bewusst oder unbewusst – sehr eng verbunden mit dem des Gekreuzigten, der lebt.


Fastenvorsätze sind üblich. In diesem Jahr nehme ich mir einen Ostervorsatz: Ich möchte empathisch durch die Osterzeit gehen. Ich möchte mitfühlen mit dem neuen Leben, das den Menschen geschenkt wird, die mir begegnen. Die Osterzeit dauert übrigens 50 Tage – bis Pfingsten.

Daniela Mohr-Braun

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