Wohin mit der Flut im Kopf?

Seit über einer Woche Deutschland im Ausnahmezustand. Ganze Regionen der westdeutschen Mittelgebirge, aber auch in den Alpen, unter Wasser. Die Flut kam gewaltsam plötzlich, jetzt ist sie weg, aber die Folgen bleiben. Viele Menschen sind betroffen: vor allem diejenigen, deren Häuser und Betriebe überschwemmt wurden, denen Angehörige durch die Wassermassen entrissen wurden. An Trauer ist noch kaum zu denken in diesem nicht enden wollenden Ausnahmezustand. Verheerend besonders die menschliche Situation im Ahrtal: Wen soll man betrauern, solange nicht alle Verstorbenen geborgen oder identifiziert sind? Wo soll man die Toten begraben, wenn selbst die Friedhöfe zunächst instand gesetzt werden müssen? Stunde um Stunde tun sich neue Dimensionen der Zerstörung auf, die diese Flut hinterlassen hat. Nur ganz allmählich steigt die neue Realität in die Köpfe und Gefühle der betroffenen Menschen. Das ganze Ausmaß ist ja auch kaum zu ertragen.

Viele sind mitbetroffen: Ersthelfer und Notfallseelsorger*innen, Mitarbeiter*innen der Feuerwehren, technischen Dienste, der Polizei, Angehörige und Freunde der Flutopfer und die Vielen, die jetzt aus ganz Deutschland anreisen, um eine Weile zu helfen. Sie alle erleben hautnah die Folgen der Flut, sehen, hören, spüren die Wucht dieses Ereignisses. Das brennt sich ein ins Gedächtnis.

Wohin mit der Flut im Kopf? Was tun, wenn ich direkt oder indirekt betroffen bin – vielleicht auch nur durch die Berichte in den Medien – und wenn sich nun die Flut breitmacht als Kopfkino? Unruhe, Schlafstörungen, Arbeitsunfähigkeit, mitten im Tag wegdriften in das, was passiert ist … Wenn der ganze Schlamm aus den Häusern raus ist, werden diese Folgen für viele Menschen bleiben. Dass ich mir selbst ein stabiler Ort sein kann in einer Welt, die so vielschichtig in Fluss geraten ist, das wünsche ich mir und allen, die jetzt unter der Flutkatastrophe dieser Sommerwochen leiden. Klingt schön, ist aber unendlich schwer, wo Menschen traumatisiert sind.

Es gibt eine einfache Übung, die ich immer wieder selbst praktiziere. Sie führt mich zurück zu mir selbst, meinen Sinnen, meiner Körperwahrnehmung, weg vom Kopfkino, heraus aus den Filmen der schrecklichen Erinnerung, die wieder und wieder ablaufen möchten. Diese Übung nenne ich 3 – 2 – 1. Es ist etwas sehr Einfaches, ich kann es tun in jeder Lebenslage: abends im Bett, wenn ich nicht einschlafen kann; am Schreibtisch, wenn ich mich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren kann; auf dem Weg zum Einkauf; sitzend, liegend, stehend, gehend, immer … Ich kann das für mich tun, still, niemand muss es mitbekommen. Mir selbst einen kleinen Moment Gutes tun:

Zunächst die 3:

  • Ich schaue vor mich hin und benenne still drei Dinge, die ich gerade sehe: z.B. eine Tischkante, meine Hand, ein Tier …
  • Ich lausche einen Moment und benenne Dreierlei, das ich gerade höre: z.B. eine Maschine, Vögel, eine Stimme …
  • Ich spüre einen Moment in mich hinein und benenne drei Wahrnehmungen, die ich gerade spüre: z.B. ein Hautgefühl, meinen Atem, die Sitzfläche …

 

Nun die 2:

  • Ich schaue vor mich hin und benenne still zwei Dinge, die ich gerade sehe …
  • Ich lausche einen Moment und benenne Zweierlei, das ich gerade höre …
  • Ich spüre einen Moment in mich hinein und benenne zwei Wahrnehmungen, die ich gerade spüre …

 

Schließlich die 1:

  • Ich schaue vor mich hin und benenne Eines, das ich gerade sehe …
  • Ich lausche einen Moment und benenne Eines, das ich gerade höre …
  • Ich spüre einen Moment in mich hinein und benenne eine Wahrnehmung, die ich gerade spüre …

 

Das ist die Übung: 3 – 2 – 1. Dabei darf sich das, was ich sehe, höre, fühle, von Schritt zu Schritt auch gerne wiederholen. Es geht dabei nicht um Anstrengung, sondern ich gebe den Wahrnehmungen Aufmerksamkeit, die gerade auf mich zu kommen.

Wenn die „Flut im Kopf“ zu mächtig ist oder wenn ich mehr Zeit habe, kann ich die Übung wiederholen oder auch ausweiten: 5 – 4 – 3 – 2 – 1.

Vieles im Leben kann genommen werden oder zerstört werden, im wahrsten Sinne des Wortes wegschwimmen. Ich bleibe mir, mein Körper, die Sinne. Es tut gut, sich an diesem ganz Elementaren festzumachen, mich meiner selbst zu versichern, hier und heute zu sein, nur für einen Moment: 3 – 2 – 1. Und dann vielleicht irgendwann endlich in erholsamen Schlaf fallen oder auch die nächste anstehende Herausforderung in Angriff nehmen.

Daniela Mohr-Braun, Traumaberaterin NAHeRAUM

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