Jenseits von Freund und Feind

Die Schule meiner Söhne  trägt die Auszeichnung „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“. Einer meiner Söhne und seine Freund*innen engagieren sich dort. Sie putzen Stolpersteine an den Gedenkorten jüdischen Lebens in Kastellaun vor dem Holocaust, sie engagieren sich für religiöse Bildung und Toleranz an ihrer Schule und in der Region, sie treten nicht nur ein für die Rechte queerer Jugendlicher an der Schule, sondern sind auch teilweise queer. Engagement gegen Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht und sexueller Orientierung ist für sie und die Lehrer*innen, die sie unterstützen, zur Haltung geworden, für die sie sich gelegentlich auch selbst Spott und Diskriminierung einhandeln.

Beindruckend für uns ältere Erwachsene. So viel Courage! So viel Selbständigkeit! So viel Unabhängigkeit von Konventionen und Anfeindungen! Die meisten dieser Jugendlichen sind keine Christen oder verstehen sich doch zumindest nicht mehr christlich.

Ich stelle mir die Frage, was ihr Engagement mit Christentum zu tun hat. Bis vor wenigen Jahren wären die Fronten in Sachen Queerness recht eindeutig gewesen. Denn es galt: „Wer sich nicht klar zu heterosexuellem Empfinden bekennt und die eigene Lebenspraxis danach ausrichtet, hat im Wertekanon der katholischen Kirche ein Problem: Eine homosexuell empfindende und lebende Person wird kaum kirchliche*r Mitarbeiter*in sein können, es sei denn sie versteckt ihre sexuelle Orientierung. Auch Ehrenamtliche, die queer sind, werden bestenfalls in ihrem kirchlichen Engagement geduldet – unter der Voraussetzung, dass sie ihre sexuelle Identität und ihr Empfinden für sich behalten.“ Ausgesprochen oder unausgesprochen war das so (oder ist das noch so), auch in unseren Gemeinden, auch im Bistum Trier.

Im Hinblick auf die Einstellung zu anderen Religionen war die Haltung der katholischen Kirche ähnlich eindeutig – mindestens bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Ungetaufte galten als Adressat*in von Mission. Dem Judentum als Ganzem wurde – theologisch verbrämt – eine Vielzahl an verschwörungstheoretischen Mythen nachgesagt, insbesondere die Ablehnung des Messias Jesus Christus. Auch Muslime galten qua Bekenntnis als Feinde des Christentums, die man möglichst aus dem „christlichen Abendland“ herauszuhalten suchte oder allenfalls als Gäste duldete. Wieviel von diesen Meinungen und Haltungen lebt noch oder wieder!?

Aus den ersten christlichen Jahrzehnten ist so etwas wie die Magna Charta des christlichen Menschenbildes überliefert, im dritten Kapitel des Briefes, den der Apostel Paulus an die Galater geschrieben hat. Da heißt es:

„Ihr alle seid durch den Glauben
Töchter und Söhne Gottes in Christus Jesus.
Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid,
habt Christus angezogen.
Es gibt nicht mehr Juden und Griechen,
nicht Sklaven und Freie,
nicht männlich und weiblich;
denn ihr alle seid eins in Christus Jesus.
Wenn ihr aber zu Christus gehört,
dann seid ihr Abrahams Nachkommen,
Erben gemäß der Verheißung.“

Diese Sätze bergen Sprengkraft, und diese Sprengkraft entfaltet aktuell eine ungeahnte Dynamik. Das kann man gerade bei der Initiative #outinchurch beobachten. Da sind viele Menschen, die sich nicht länger verstecken möchten in ihrer Kirche aufgrund ihrer homosexuellen Orientierung oder ihres nicht-binären Geschlechts. Und da sind sehr viele Menschen, die der Diskriminierung anderer Christ*innen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihres nicht-binären Geschlechts keinen Raum mehr geben möchten. Wer sich in diesem Sinne mutig hinaus wagt, kann sich durchaus auf den Apostel Paulus berufen. „Es gibt nicht mehr männlich und weiblich“ heißt ja nicht, dass wir alle Neutren würden, aber es heißt im theologischen Kontext des Paulus, dass das Geschlecht für getaufte Menschen kein Anlass zur Diskriminierung mehr werden darf, weil dieser Christus, in den wir hineingetauft sind, größer und mehr ist als jede geschlechtliche Unterscheidung. Diese Zusage gilt auch für queere Menschen.

Ähnliches gilt für Diskriminierung aufgrund von Herkunft und Religionszugehörigkeit. Es muss für Getaufte nicht egal sein, woher sie kommen und welcher Religion sie ursprünglich entstammen. Alles das dürfen sie mitbringen, wenn sie sich taufen lassen. Und einmal getauft, darf sie niemand diskriminieren aufgrund ihrer Herkunft. Das gilt zwar zunächst nur innerkirchlich, aber diese Haltung hat doch auch Auswirkungen auf das Verhältnis der Religionen zueinander. Immer geht es um den grundsätzlichen Respekt, um das Angewiesensein aufeinander und darum, dass Gott größer ist als unsere engen Grenzen. Für uns Christen ist Gott durch Jesus Christus erfahrbar geworden. Aber für das Judentum gilt doch, dass sie schon vor uns „Abrahams Nachkommen und Erben gemäß der Verheißung“ waren. In Gottes Zusage an Abraham und sein Volk sind wir hineingenommen durch Jesus Christus, aus Gnade würde Paulus sagen. Wir verdanken in diesem Sinne dem Judentum alles. Und ohne den von Paulus benannten Vater Abraham gäbe es auch den Islam nicht. Auch der Islam verdankt sich der Verheißung Gottes an Abraham. So bleiben wir aufeinander angewiesen und tun gut daran, Menschen nicht zu Feinden zu machen, die vor Gott keine Feinde sind.

Anton Rotzetter hat ein Gebet formuliert, das dieser Weite entspricht.

Da Du Gemeinschaft bist
Heiliger Gott
Stifte Gemeinschaft
Da Du Beziehung bist
Heiliger Gott
Knüpfe Beziehungen
Da Du Wort bist
Heiliger Gott
Gib unseren Worten Sinn
Da Du Einheit bist
Heiliger Gott
Führe zusammen
Da Du Vielfalt bist
Heiliger Gott
Befreie zur Vielfalt

Daniela Mohr-Braun, Citykirche NAHeRAUM

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